„Sieht so aus, als stecke da jemand in Schwierigkeiten.“
Mein Herz setzte einen Moment aus. Eine Stimme, männlich, seltsamer Akzent. Mein Gehirn sendete scheinbar belanglose Fakten durch die Panik an den letzten Rest Vernunft in meinem Verstand. Doch es genügte, um mich voller Hoffnung aufsehen zu lassen. War hier draußen wirklich jemand, der meinem Rufen hätte folgen können?
Die Augen immernoch voller Tränen hob ich sofort den Kopf. „Gott sei Danke, sie…“ doch ich verstummte schlagartig, als ich sah, wer, oder eher was, dort über mir, auf dem Altar saß. Er… es sah auf den ersten Blick tatsächlich aus wie ein normaler Mann, wohl etwas älter als ich. Doch gleich darauf fiel wohl jedem auf, dass an ihm etwas nicht stimmte. Seine Haut wirkte fahl, fast gräulich und seine Augen lagen in tiefen Schatten, die die blutrote Iris umso mehr betonten. Dieser Effekt beschwor das Gefühl ihn mir herauf, von seinen hämischen Blicken direkt durchbohrt zu werden.
Seine Haare hingen ihm ohne Recht und Ordnung strähnig ins Gesicht und waren von einer faszinierenden Farbmischung zwischen schwarz und rot, soweit so etwas überhaupt möglich war… Darüber hinaus schien nicht einmal seine Kleidung sonderlich normal, denn sie bestand aus einem schlichten schwarzen Umhang mit wehenden, langen Ärmeln und Kapuze, die er um den Körper gebunden trug. Er trug nicht einmal Schuhe, sondern saß vollkommen barfüßig auf dem Altar. Selbst wenn jemand all diese Fakten übersah, sprachen doch die zwei langen, schwarzen Hörner auf seinem Kopf für die Tatsache, dass hier vor mir auf jeden Fall kein Mensch saß.
„Überrascht?“ fragte er in fast belustigtem Tonfall. „Zugegeben, ich bin fast positiv von deiner Reaktion überrascht. Der letzte dem ich begegnet bin, ist schreiend davongelaufen.“ Er hob eine Augenbraue und betrachtete abschätzend die Schlammgrube, in der nach wie vor mein gesamter Unterleib steckte. „Allerdings dürfte sich das für dich auch als ein wenig … schwierig gestalten, nicht wahr?“ In jeder anderen Situation hätte ich ihm wohl für das Grinsen, das er jetzt aufsetzte, eine verpasst, aber meine Lage sprach für sich. Ich beschloss meine Verärgerung herunterzuschlucken sowie einfach mal davon auszugehen, dass ich nicht irgendwelche Wahnvorstellungen im Angesicht des Todes hatte und fragte mit zittriger Stimme: „K-könnten sie mir vielleicht… h-hier raush…“ Er unterbrach mich abrupt, indem er eine Hand hob und tadelnd den Kopf schüttelte. „Jetzt mal langsam! Ich hatte gerade schon geplant, dir so etwas vorzuschlagen.“ Mir so etwas ,vorzuschlagen‘?
Sein abfälliges Grinsen verwandelte sich in ein beunruhigendes Lächeln. „Wie du wohl ohne Zweifel schon bemerkt hast, bin ich keiner von euch erbärmlichen Sterblichen.“ begann er mit ruhiger Stimme zu erklären. Ich, in meiner Todesfalle weiterhin gefangen, schob meinerseits bloß immer mehr Panik. Gut, er war wohl meine einzige Rettung, aber glaubte er wirklich, er hatte die Zeit, sich hier in irgendwelchen wahnwitzigen Geschichten zu verlieren?! Wahrscheinlich ist der Kerl sowieso vollkommen durchgedreht… Hatte ich nicht erst vor ein paar Wochen von einem Mann in den USA gelesen, der sich dank einer geistigen Krankheit für einen Dämonen hielt, und sich daraufhin zwei waschechte Hörner auf den Kopf hatte operieren lassen? Davon gab es wahrscheinlich noch mehr. Eine andere Erklärung fiel mir für die Gestalt vor mir einfach nicht ein…
„Aber wie ich eure unglaubliche Beschränktheit kenne, hast du wahrscheinlich noch keine Ahnung was ich wirklich bin!“ erklärte der Gehörnte weiterhin. Er schien langsam Gefallen daran zu finden, denn er sprang in einer flinken Bewegung auf und schritt auf dem Altar hin und her. „Ihr habt mir schon viele Namen gegeben. Oh ja, sehr viele.“ Er lachte leise, dann breitete er urplötzlich triumphierend die Arme aus und sah sie von oben mit seinen roten Augen an. „Wie findest du zum Beispiel Baphomet? Oder gefällt dir Diabolus besser? Einer meiner Favoriten ist ja Luzifer, aber am gängigsten dürfte dir wohl Satan sein…“ Sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, dass mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Auch wenn für mich langsam klar war, dass ich es tatsächlich mit einem Geisteskranken zu tun hatte, erschien mir dieser Kerl hier doch beunruhigend überzeugend und… da war noch etwas anderes. Etwas, dass ich mit Worten nicht zu beschreiben wusste. Eine Art Gewissheit, die mir sagte, dass ich tatsächlich vor dem Teufel stand.
Der Gehörnte schien mein Schweigen richtig zu deuten, ließ sich wieder sitzenderweise auf den Altar fallen und verschränkte die Arme. „Gut um auf den Punkt zu kommen… mir ist relativ egal, ob du mir nun Glauben schenkst oder nicht. Ist dein Leben, nicht meins.“ Er zuckte teilnahmslos mit den Schultern. „Aber ich möchte dir… eine Art Vertrag vorschlagen.“ Er lachte amüsiert. „Ein Pakt mit dem Teufel, klingt das nicht spannend für dich als Sterblichen?“
Spannend? In jeder anderen Lag hätte ich wohl dankend abgelehnt, wäre auf dem Absatz umgekehrt und zurück nach Hause geschlendert um mir eine Tasse Tee zu machen und den seltsamen Kerl ganz schnell wieder zu vergessen. Doch in dieser Lage hatte ich, so schmerzlich es auch war, wohl keine andere Wahl und ehrlichgesagt auch kaum etwas zu verlieren, oder? Ich spürte bereits, wie sich die schlammige Brühe langsam über meine Brust legte. „Was… was ist das für ein Vertrag?“ fragte ich mit zittriger Stimme, auch wenn ich versuchte dabei überzeugend gefasst zu klingen. Der Teufel hob wieder eine Augenbraue. „Oh, du denkst wohl im Voraus, was Kleine?“ Ein leises Lachen. „Nicht dumm… Nun, mein Part des Pakts dürfte einigermaßen klar sein: Ich hole dich aus diesem Schlammloch. Im Gegenzug solltest du mir dann… ein oder zwei Gefallen erfüllen.“ Er machte eine unbestimmte Handbewegung. „Nichts großes, keine Angst. Ganz leichte Sachen, kaum der Rede wert.“
Ich ließ mir das ganze hastig noch einmal durch den Kopf gehen. Dass er diese „Gefallen“ nicht weiter ausführte gefiel mir zwar nicht besonders, jedoch wurde mir langsam die Zeit knapp. Das wird schon nicht so schlimm werden…, versuchte ich mir Hoffnung zu machen und schluckte schwer, um meine Stimme wieder etwas zu festigen. „G-gut… Machen wir diesen… Vertrag.“
„Wunderbar~“ Ich konnte kaum so schnell Gucken, da stand der Gehörnte auch schon direkt vor mir und sah mit einem seltsamen Gesichtsausdruck auf mich herab. Er schien sich einerseits nach wie vor köstlich zu unterhalten, aber… da war plötzlich noch etwas anderes. Anspannung? Mal ganz davon abgesehen schien er keineswegs im Schlamm zu versinken, was mich im ersten Moment vollkommen davon ablenkte, was er dort über mir überhaupt tat.
Er legte jeweils die Spitzen von Zeige- und Mittelfinger beider Hände aneinander und murmelte etwas für mich Unverständliches. Das was ich von den Worten mitbekam, klang für in meinen Ohren nicht einmal wie eine richtige Sprache.
Fasziniert beobachtete ich, wie sich leuchtende Lichtfäden um seine Finger bildeten und wie die Orbitale eines Planeten um seine Hände Ringe bildeten. Spätestens jetzt konnte ich also die Theorie verwerfen, dass er bloß ein Spinner war….
Als sich ein paar leuchtende Fäden manifestiert hatten, löste er die Finger voneinander und ließ eine Hand über meinem Kopf schweben. Die leuchtenden Ringe folgten ihr.
„Das könnte jetzt etwas weh tun…“ meinte er beiläufig, doch fuhr augenblicklich fort, ohne dass ich etwas auch nur erwidern konnte: „Keine Angst, du wirst ohnehin gleich ohnmächtig.“
„Was…?!“ bekam ich noch heraus, als er urplötzlich seine Hand vollständig auf meinen Kopf sinken ließ, welche sich sofort in meinem Haaren festkrallte, wie eine angriffslustige Spinne.
Ich hatte nicht einmal die Zeit zu schreien, da nahm mich bereits eine beruhigende, dumpfe Dunkelheit vollkommen ein.
(haltet mich bitte nicht für verrückt xD)